Dienstag, 5. September 2017

#8 thinktuesday - der steinige Weg

ins Leben.


In Afrika hat alles begonnen. Kaum zu glauben: Meine Eltern empfanden nach 8 Jahren Beziehung immer noch sexy Feeling füreinander, also entstand daraus die Steffi. Hehehe, sie wussten einfach nicht, was sie taten. ^^



In Afrika hat meine thailändische Mutter ein Restaurant betrieben und mein deutscher Vater arbeitete in einem großen deutsch-amerikanischen Unternehmen. Ich habe zwar wenig Erinnerungen an diese Zeit, aber ich kann mich gut an unser Haus, an den Spielplatz und besonders an die Glühwürmchen, die dort abends rumflogen, erinnern. Man konnte mit einem großen Einweckglas durch den Garten laufen und schon hatte man 1-2 Glühwürmchen im Glas. Keine Sorge, die habe ich dann wieder befreit.

Ich wurde von meiner Mama und einem Babysitter namens David aufgezogen. Meine Mama erzählte, dass ich sogar die Sprache der Einheimischen gesprochen habe. Wenn man nicht hinschaut, hätte man meinen können, ich sei ein einheimisches Kind. Ich habe mich schnell mit den Kindern dort angefreundet. Später als ich in den Kindergarten ging, lernte ich erst Deutsch zu sprechen. Erinnerung an meine damaligen Freunde habe ich leider nicht mehr. Ich konnte nicht ahnen, dass die Zeit begrenzt war.




Mein Vater witterte den bevorstehenden Bürgerkrieg und beschloss uns zu evakuieren. Das war nicht das erste Mal, aber jetzt sind sie nicht zu zweit, sondern zu dritt. Sie durften den Bürgerkrieg nicht auf die leichte Schulter nehmen. Meine Eltern haben den ersten Bürgerkrieg miterlebt und zitterten um ihr Leben.

Wir packten unsere Sachen und haben Afrika verlassen. Es ging nach Thailand, denn meine Mama kam aus Thailand und mein Vater konnte den Gedanken nicht ertragen nach Deutschland zurückzukehren.

Meine Erinnerung beginnt somit in Thailand.

In Thailand eröffneten meine Eltern ein deutsches Restaurant, Familienleben ADIEU! Sie hatten keine Wahl, als mich in ein Internat zu stecken. In Thailand kann man schon mit 5 in einem Internat aufgenommen werden. Das ist nicht unüblich. Meine Sommerferien habe ich zu Hause (im Restaurant) verbracht. Mein Vater stellte schnell fest, dass seine Tochter kein Wort Deutsch mehr sprach. Ach ne!?! Meine Mutter war entzückt, wie gut ich Thai sprach. Im Kindergarten wurde nur thailändisch gesprochen. Ich kann mich gut daran erinnern, dass alle Kinder sich gegenseitig per "Sie" sich angesprochen haben. Sehr vornehm. Das hat meiner Mama besonders gut gefallen.

Mit 7 wurde ich eingeschult - in eine amerikanische (Baum-) Schule. Ja, das ist etwas schwieriger zu erklären. Ich versuche es, aber trotzdem. In Thailand können Ausländer nicht einfach eine thailändische Schule besuchen. In Thailand ist jeder Thai in so eine Art Grundbuch eingetragen, wenn man das nicht ist, kann man leider nicht eine thailändische Schule besuchen. Ich hatte zwar eine thailändische Mutter, aber ich war praktisch ein Ausländer mit einem Nonimmigrant Visum in Thailand.

Für ausländische Kinder gibt es die sogenannten fancy "international schools". Die Gebühren sind Sau teuer! Damals ca. 100.000 Baht pro Jahr. Bücher, Uniform, Essen, etc., waren nicht inklusive!!! Das konnten sich meine Eltern als Gastronomen nicht leisten, also blieb nur die Baumschule übrig. Die kostete 20.000 Baht pro Jahr. Eine Lehrerin aus den USA war nach Thailand ausgewandert und eröffnete diese Schule. Sie hatte Platz für ca. 120 Schüler - von Kita bis 12. Klasse. Alle Lehrer dort waren praktisch Aussteiger. Hatten keinen Bock mehr in der Heimat zu leben und wollten in Thailand ein wenig die Sonne genießen. Ich mochte sie alle. Es waren eben Hippie Lehrer!

Ich war dort sehr glücklich. Erst in der siebten Klasse ereignete sich ein Schicksalsschlag. Der Mann der Schuldirektorin hat sich entschieden eine Kindergärtnerin zu nageln... Das war zu viel für sie. Sie verließ die Schule und ihren Mann. Er hatte keine Ahnung, wie man eine Schule führt. Somit hat er die Schule gegen die Wand gefahren... Da stand ich: ohne Schulabschluss und ohne Zukunft...

Ich hatte keine Möglichkeit nach Deutschland zu gehen und in Thailand waren plötzlich keine bezahlbaren Schulen mehr da. In eine thailändische Schule konnte ich auch nicht. Verdammt. Meinen Eltern blieb nichts Anderes übrig, als mich in ihr Restaurant zu integrieren. Es waren harte Zeiten. Ich konnte immer noch nicht fassen, dass ich nicht zur Schule gehen darf.

In den Sommerferien hatte ich meine Freund aus der Nachbarschaft. Wenn das neue Schuljahr begann, wurde ich sehr traurig, weil mir meine Freunde und die Schule fehlten. Ich habe bitterlich geweint. Alles schien so ungerecht.

Unsere Stammgäste aus Deutschland haben immer besorgt gefragt, was nun mit mir geschehen sollte. Na ja, ich konnte ja kein Deutsch und viele unsere Gäste kein Englisch. Mein Vater hatte nicht die Geduld mir Deutsch beizubringen. Wir unterhielten uns immer auf Englisch. Er war fest davon überzeugt, ich würde Deutsch eh nie brauchen... I guess, you were wrong about that!

Ich erfuhr nebenbei, dass die Schulen in Deutschland kostenlos sind. Da dachte, ich habe doch einen deutschen Pass, er muss doch ein Weg geben für mich. Die Jahre vergingen und plötzlich wurde ich 18.

Ich habe meinen ersten Freund, der Ludwig, kennengelernt. In den Sommermonaten konnte ich ihm in Deutschland besuchen. Denn in unserem Restaurant, gab es wenig zu tun, wenn es in Deutschland kalt war. Ich konnte ein wenig Deutsch lernen, Leute kennengelernt, mein Horizont erweitert.

Mit 19 (2001) habe ich meinen ersten Versuch gestartet. Die Abendrealschule im Bergischen Land sollte meine Zukunft verändern. Mit der Bildung habe ich mir Unabhängigkeit und Selbstbewusstsein erhofft. Na ja, ich bin gescheitert. Ich habe meine Situation analysiert und festgestellt, dass ich mich von Ballast trennen muss um voranzukommen. Der Ludwig musste weg. Denn er hat mich in meine Weiterentwicklung gehindert. Bestimmt unbeabsichtigt.

Ab hier wurde es richtig schwer. Ich bin im Juli 2002 ausgezogen.  Da war ich praktisch obdachlos, aber Ludwig wollte mich nicht mehr dahaben, als ich die Trennung angekündigt habe. Meine Eltern konnten mir nicht helfen. Sie hatten selbst schwere finanzielle Zeiten vor sich, deshalb habe ich ihnen gar nicht erst von der Trennung erzählt.

Im September habe ich nun ein Zimmer gefunden. Dank guter Menschen, konnte ich mal hier und da übernachten, bis ich es gefunden habe. Das war gar nicht so einfach. Die meisten Vermieter waren gar nicht bereit mich zu nehmen.

Zunächst hatte ich nur einen Minijob und ein kleines Kapital. Damit hätte ich mich zwar nur 2 Monate über Wasser halten können, aber immerhin etwas. Im Oktober konnte ich mir ein Job angeln, auch wenn nur Teilzeit, aber die Bezahlung war ganz gut.

In der Nacht von 00:00 bis 03:00 arbeitete ich am Flughafen. Ich habe Flugcontainers beladen. Meinen Minijob habe ich weiterhin behalten. Tagsüber arbeitete ich auf einen Gemüse- und Obststand, später als Büroschnepfe in eine kleine Software Unternehmen in Bonn. Vier Mal die Woche abends war in dann in der Schule. Mein Tag war gut ausgefüllt. Ich konnte zwar nicht am Stück schlafen, aber 2 mal 3-4 Stunden Schlaf hatte ich immer. An den Sonntagen habe ich dann immer geschlafen.

An den Software-Unternehmen bin ich nur durch Zufall gekommen. Ich habe Siegfried kennengelernt und bin nach Bonn gezogen. Ich habe nach einem Job in Bonn gesucht. Ein Minijob, ich hatte ein wenig Angst mein Job am Flughafen aufzugeben. Die Probezeit war vorüber. Das war gut für mich. Na ja, ich habe nicht bedacht, dass mein Körper da nicht mehr lange mitmachen wird.

Nach 2-3 Monaten im Büro rief mich irgendwann der Chef zu sich. Er befragte mich zu meinem Lebenslauf. Er konnte es nicht so glauben, dass ich bei ihm arbeitete, zur Schule gehe und nachts ebenfalls noch arbeitete. Er fragte mich, wie viel Geld brauche ich um alle Kosten zu decken? Ich habe gesagt 950€, netto. Dann war das Gespräch zu Ende. Am nächsten Tag hat er mir ein Arbeitsvertrag vorgelegt, ich weiß nicht, wieviel es in Brutto war, aber netto, hatte ich 1050€ bekommen. Ohne Probezeit und ich konnte den Flughafenjob aufgeben. Dafür bin ich ihm heute sehr dankbar. Das Büro ist nicht groß. Der Chef hat sein eigenes Zimmer. Seine Assistentin, 2 andere Mädels und ich saßen zusammen in einem Büro. Dann gab es noch eine Teeküche und einen Besprechungsraum.

So wie das Schicksal so will... Eines Tages, kam der Chef in dem Büro, sagte laut, Guten Morgen meine Damen! Er drehte sich dann zu mir und sagte, ach Frau …, ich freue mich Sie zu sehen, so ein Sonnenschein und ging dann in seinem Büro. Ich habe mir gar nichts dabei gedacht. Am nächsten Tag behauptet die Assistentin ihr würde im Portemonnaie 20 EURO fehlen. Ich mache nie Mittagspause, da ich früher zur Schule fahren muss. So war ich natürlich immer im Büro, manchmal alleine. Es stehen aussagen gegen aussagen... Ich wurde gekündigt.

Er rief mich an und hat bat um ein Treffen außerhalb der Firma. Wir trafen uns in einem Café. Er hat mir versichert, er weiß, ich hätte nichts gestohlen. Er ist alleinerziehenden Vater und er kann auf seine Assistentin nicht jetzt verzichten. Jemand Neues einzuarbeiten, das wäre jetzt unmöglich ohne finanzielle Einbußen zu erleiden. Er hat sich entschuldigt und er war bereit mich weiter zu bezahlen, bis ich etwas Neues gefunden habe. Er tat mir dann doch ein wenig Leid.

Ich fand relativ schnell ein neuer Job. Ich bin in einem Callcenter gelandet. Dort war ich zwar nicht glücklich, die Bezahlung war extrem schlecht, aber nur, weil ich Leute am Telefon nicht übers Ohr hauen konnte. So fiel meine Provision extrem niedrig aus... Aber die Rechnung will bezahlt werden.

Im Juli 2004 nahten meine Abschlussprüfungen. Im Juni starb mein Vater und kurz danach hat Siegfried mich für eine andere Frau verlassen. Ja, am Beerdigungstag flog er in die Karibik. Ich war fertig und habe den Kontakt gesucht. Als wir telefonierten, sagte er es sei aus und vorbei. Ein paar Tage später habe ich meine Abschlussprüfung absolviert. Im Tränen saß ich in der Prüfung. Ich verlor mein Vater und mein Freund hat mich in Stich gelassen. Egal, wie kompliziert und anstrengend ich bin, aber das hat kein Mensch verdient.

Dennoch habe ich im Juli 2004 mein erster Schulabschluss in der Hand. Ich hatte durch den ganzen Stress fast 4 Wochen mit Sehschwäche zu kämpfen gehabt. Mit der Zeit wurde es besser. Ich hatte einen Vollzeitjob im Einzelhandel gefunden und konnte ein wenig aufatmen.




2007 war das Jahr der Veränderung. Im Mai hatte ich sogar genügend Geld gespart, um Thailand wieder zu besuchen! Im Juli habe ich mein Mann kennengelernt.



2008 hatte ich genug vom Einzelhandel. Ich beschloss mich für eine Ausbildungsstelle zu bewerben. Ich kam leider nicht weit. Alles was mich interessierte, fordert Abitur... Damit meine Zeit im Einzelhandel nicht umsonst war, absolvierte ich als Externe die Abschlussprüfung zur Verkäuferin. Man kann ohne Ausbildung eine IHK-Prüfung machen.

2009 habe ich erneut die Schulbank gedrückt. Über den zweiten Bildungsweg will ich mein Abitur nachholen. Deutsch LK als Pflichtfach war einfach zu krass für mich und ich hatte Angst zu versagen. Mit Fachabitur in der Tasche überlegte ich, was ich nun machen will. In der Bonner Umgebung gab es allerdings keine Fotografie Studium. Ich will keine Fernbeziehung und wollte mich nicht wieder entwurzeln. Davon hatte ich genug.

Ich fühle mich wohl in Bonn und ich möchte Muma nicht missen.  Ich entschied mich für Phototechnik. 2011 war ich immatrikuliert und war absolute begeistert Ich an eine Hochschule! Tja, das war ein Griff ins Klo. Kacke... Ich bin allerdings froh, dass ich es probiert habe, sonst hätte ich mich ewig gefragt, was wäre wenn...

Nun bin ich über 30, habe bis auf Fachabitur und "Ausbildung" nicht wirklich etwas in der Hand. Was kann ich und was will ich??? Gut, dann eben als Quereinsteiger. Pustekuchen. Einmal Einzelhandel, immer Einzelhandel oder was? Not with me.

2013 ergatterte ich einen Ausbildungsplatz und hatte 2015 meine Ausbildung zur Bürokauffrau beendet. Erst Ende des Jahres erfuhr ich, dass ich zu den Jahrgangsbesten in Bonn gehörte. Ich kann es bis heute immer noch nicht glauben.

Ich wurde übernommen und habe meine Wunschstelle sogar bekommen. Es ist zwar untypisch, aber ich konnte bewiesen, dass ich die Stelle meistern kann. Die Arbeit macht mir Spaß und ich freue mich sehr über meine Aufgaben.

Ich lag oft am Boden, aber ich schaffte es immer wieder aufzustehen, denn Aufgeben war nie eine Option. Ja, der Weg war steinig. Ich bin heute über jeden Schmerz, Blessuren und Narben dankbar, denn es formte mich zu dem, was ich heute bin.

Ich will meine Familie, meine Freunde und vor allem meinen Mann danken. Danke fürs zu hören, wenn ich jammere, danke für die lieben Worte, wenn ich geweint habe und danke für die Stütze, wenn ich am Boden lag.

Ihr seid stets mein Licht am dunklen Tagen.


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Kommentare

  1. Liebe Lilo, das ist ja ganz schön krass, was Du alles erlebt hast! Tut mir richtig Leid, dass Du auch so schlechte Erfahrungen, z.B. im Büro, machen musstest. Und es ist ja oft so: wenn einen ein Schicksalsschlag trifft, dann kommt immer noch einer hinterher, als ob es nicht schon reichen würde!
    Aber das hat Dich vermutlich wirklich stark gemacht...
    Liebe Grüße, Maren

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    1. Liebe Maren,
      Danke, ja, es hat mich stärker werden lassen. Ich hätte auf einige Erfahrungen im Leben verzichten können, aber man wächst raus. 😊
      LG

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